Wenn ein Hauseigentümer stirbt und seine Angehörigen das Erbe ausschlagen oder es gar keine Erben gibt, dann erbt das Land Sachsen-Anhalt. Im Fachjargon heißt das: „Erbe des Fiskus“ oder kurz EdF. Dabei übernimmt das Land nicht nur die Immobilie und das Grundstück, sondern auch alle Rechte und Pflichten, die man als Eigentümer hat.

An dieser Stelle kommt die Landgesellschaft Sachsen-Anhalt (LGSA) ins Spiel. Wir sind vom Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt beauftragt worden, die Immobilien zu verwalten und nach Möglichkeit auch zu privatisieren. Landesweit kümmern wir uns aktuell um 1.100 Objekte. Aufgeteilt auf unsere vier Außenstellen in Magdeburg, Halle, Gardelegen und Lutherstadt Wittenberg.

André Wiechmann von der Magdeburger Außenstelle ist einer der EdF-Kollegen und er nimmt uns mit in ein Objekt: ein Wohnhaus mit ehemaliger Gaststätte und Pferdestall in einem Ortsteil von Oschersleben. Schon jahrelang unbewohnt und noch genauso, wie es der ehemalige Eigentümer hinterlassen hat. Ja, es ist marode, zugewuchert, vermüllt und der Regen trägt zur tristen Stimmung noch bei. Aber wir können uns gut vorstellen, wieviel Leben hier vielleicht mal war. Gäste, die zum Geburtstag von Oma Hildegard am riesigen Kachelofen sitzen oder sich am Tresen ihr Feierabendbier schmecken lassen. Im Keller stehen noch alte Fässer. Ob die Jukebox früher mal auf der kleinen Bühne stand? Vielleicht gab es auch eine Essenausgabe samt Wartebank am Haupteingang? Die Durchreiche lässt es vermuten. Im Innenhof haben Pferde neugierig ihre Köpfe aus der Stalltür gesteckt…

Nun aber muss André sich um so profane Dinge kümmern wie die Verkehrssicherung. Könnten Dachziegel auf die Straße stürzen? Muss die Hecke zum Nachbarn geschnitten werden? Wo sind die Stromzähler? Steht das Objekt eventuell unter Denkmalschutz? Gibt es Banken oder Gläubiger, die informiert werden müssen? Wann hat der Gutachter Zeit, um den Wert zu ermitteln?

Alles mit dem Ziel, das Objekt zu verkaufen. Von der Erstbesichtigung über den „Papierkram“, mögliche Arbeiten vor Ort, die Ausschreibung bis hin zu Notartermin und Verkauf geht einige Zeit ins Land. Das bedeutet auch jede Menge Bürotage.

Wenn Objekttag ist, besuchen André und seine Kollegen schon mal bis zu 10 Häuser. „Immer wenn ich so ein Haus zum ersten Mal betrete, achte ich darauf, dass mir nichts auf den Kopf fällt“, sagt er. Sicherheit ist das wichtigste: „Deshalb sind wir meist auch zu zweit unterwegs.“ Zur Ausrüstung gehören Arbeitsschutzschuhe, Handschuhe, eine Lampe, auch mal Masken, ein Helm oder Ganzkörperschutzanzüge. „Wir wissen ja nie, was uns erwartet.“ Auch Werkzeug hat André immer dabei: Brecheisen, Säge, Akkuschrauber – der Kofferraum ist voll. Einmal drin im Haus, gilt: Der Kühlschrank bleibt zu! Erst recht, wenn schon länger niemand mehr hier wohnt. Verkauft werden die Objekte meist so wie sie sind. Mit allem, was drinsteht oder liegt. „Manchmal hängen noch Familienfotos an der Wand“, erzählt André, „und die Betten sind gemacht…“

Oft sind die Käufer Nachbarn, die ihre Grundstücke erweitern wollen oder einen Stellplatz brauchen.
Auch gewerbliche Nutzer finden sich - und ab und an auch Menschen, die ganz viel Liebe und Zeit in ihr neues Zuhause stecken und es sanieren. Der Verkaufspreis? Ab einem Euro aufwärts.

Nach ein bis zwei Stunden verschließt André alle Türen wieder und es geht weiter zum nächsten verlassenen Haus.
Zu den aktuellen Ausschreibungen:
https://www.lgsa.de/de/grundstuecke/bebaute-und-unbebaute-grundstuecke/
